Gebäudetypologien

Die unterschiedlichen Gebäudetypen in Ihrer Region

Rund 80 Prozent des Energieverbrauchs aller deutscher Privathaushalte wird zum Heizen benötigt. Die Einsparmöglichkeiten sind enorm. Vor allem bei Altbauten lohnt es sich, die notwendigen Instandhaltungs- und Instandsetzungsarbeiten mit Energiesparmaßnahmen zu verbinden.

Häufig vorkommende Wohngebäude werden nach Bauweise und Alter gegliedert: die sogenannte „Gebäudetypologie“.

Mit einer Gebäudetypologie können:

  • Hauseigentümer einen ersten Überblick über sinnvolle Modernisierungen, ihre zusätzlichen Kosten und die hieraus resultierenden Energieeinsparung erhalten,
  • Architekten, Ingenieuren, Gebäude-Energieberatern eine vorbereitende Grundlage für die Erstellung eines Gebäudeenergiepasses geboten werden,
  • Wohnungsunternehmen bei der Sanierungsplanung im Gebäudebestand unterstützt werden,
  • Beschäftigten von Kreditinstituten die Möglichkeit gegeben werden, im Rahmen der Immobilienfinanzierung eine realistische Abschätzung der Folgekosten vorzunehmen, die auf den Kreditnehmer entweder aufgrund der zu erwartenden Nebenkosten oder durch notwendige Modernisierungsarbeiten zukommen können.

Im Stadtgebiet von Mülheim an der Ruhr gibt es rund 32.000 Wohngebäude, davon sind ca. 22.000  Ein- und Zweifamilienhäuser und 10.000 Mehrfamilienhäuser.

Zahlreiche ehemalige Werkssiedlungen mit Geschosswohnungsbau sowie Ein- und Zweifamilienhaussiedlungen aus den 1930er- bis frühen 1960er-Jahren prägen das Stadtbild.

Die Gebäude der  verschiedenen Bauepochen weisen wegen ihrer Bauart und Energieversorgung jeweils spezifische Energieeinsparmöglichkeiten auf. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihres Erhaltungs- und Sanierungsstandes allerdings deutlich voneinander.

Aus der Baualtersklasse 1900 (1900 und früher) sind bis heute ca. 2.500 Wohngebäude erhalten geblieben. Bis zum Jahre 1870 wurden die Gebäude überwiegend in Fachwerkbauweise errichtet. Auf Grund ihrer in der Regel 12 bis 16 cm dünnen Außenwände bieten sie ein hohes Energieeinsparpotenzial. Mit der Industrialisierung setzte eine Normierung der Baustoffe ein und Mauerwerkbau ersetzte überwiegend die Fachwerkbauweise.

Die Gebäude der Baualtersklasse 1918 (1901–1918) wurden dabei vor allem in Ziegelbauweise aus 25 bis 38 cm starkem Ziegel erstellt, bei den Fenstern war eine Einfachverglasung Standard, die Dachschrägen wurden meist nicht gedämmt. Prägend für diesen Zeitabschnitt war der Bau der Gründerzeitquartiere, die auf Grund ihrer kompakten Blockbebauung energetisch effizienter sind als Einzelbaukörper. In Mülheim an der Ruhr entstand darüber hinaus eine Vielzahl von Arbeitersiedlungen, die sich an den damaligen Vorgaben von Stadtbaukunst, Heimatschutz- und Gartenstadtbewegung orientierten. Der energetische Zustand dieser Gebäude unterscheidet sich von Fall zu Fall stark und variiert je nach vorgenommenen Instandhaltungsmaßnahmen. Auf Grund der historischen und stadtbildprägenden Bedeutung der Bebauung ist für diese Gebäude eine koordinierte Planung unter Berücksichtigung der denkmalschutzrechtlichen Bedingungen erforderlich.

Im Rahmen der Sanierung des Bestandes sollte ein sensibles und differenziertes Vorgehen aber nicht bei denkmalgeschützten Gebäuden aufhören, grundsätzlich ist ein Dreiklang von Technik, Kosten und Baukultur zu berücksichtigen.

Aus der Baualtersklasse 1948 (1919–1948) sind in Mülheim an der Ruhr ca. 4.500 Gebäude erhalten geblieben. Insbesondere in den 1920er Jahren wurde rege gebaut, um die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu mildern. In dieser Zeit entstanden zunehmend mehrgeschossige Mietshäuser in Form von Block- und Zeilenbauweise, gleichzeitig war weiterhin die Einfamilienhausbebauung gefragt. Die mehrgeschossigen Mietshäuser („Dringlichkeitswohnungen“) weisen auf Grund der Verwendung kostengünstiger Materialien und geringer Wandstärken meist hohe Energieverbräuche auf.

Bis zum Ende der 1950er-Jahre orientierte sich die Stadtentwicklung vor allem am Leitbild der gegliederten, aufgelockerten Stadtlandschaft. Kennzeichnend hierfür sind die oft streng ausgerichteten einheitlichen zwei- bis viergeschossigen Zeilenbauten.

In den 1960er- und 1970er-Jahren charakterisierten Planungseuphorie, Fortschrittsglaube und Wachstum die städtebauliche Entwicklung. Dem Leitbild Urbanität durch Dichte entsprechend entstanden bundesweit vielgeschossige Großsiedlungen, die nur selten in die Gesamtstadt eingebunden worden sind. Außer von verdichteten Siedlungskonzeptionen war die Zeit geprägt von einer großflächigen Überbauung der vorhandenen Strukturen (Flächensanierung). Bis Ende der 1960er-Jahre wurde der Materialeinsatz aus wirtschaftlichen Gründen meist so gering wie möglich gehalten, da die in dieser Zeit besonders niedrigen Energiekosten eine Investition in Wärmeschutzmaßnahmen als nebensächlich erscheinen ließen. Das änderte sich mit den Ölpreisschocks in den 1970er-Jahren, die zu einem Paradigmenwechsel in der städtebaulichen Planung hin zu einem nachhaltigen Bauen führten. Damit einhergehend stiegen die wärmetechnischen Anforderungen an die Gebäude.

Seit Beginn der 1990er-Jahre werden daher vermehrt Niedrigenergiehäuser errichtet, Passivenergiehäuser entstehen ungefähr seit Ende der 1990er.

Bei der Gegenüberstellung des durchschnittlichen und des absoluten Wärmebedarfes nach Baualtersklassen fällt auf, dass die Baualtersklasse 1968 (1957–1968) sowohl spezifisch mit 206 kWh/m² pro Jahr als auch absolut  mit rund 6000 Gebäuden die höchsten Energieverbräuche aufweist.

Typische energetische Schwachstellen dieser Zeit sind die fehlende Dämmung von Fassaden und Dachstuhl, veraltete Heizkörper sowie die Einfachverglasung von Fenstern und Türen. Sie machen oft eine energetische Sanierung erforderlich.

Für diejenigen, die mehr wissen wollen über die Bauart Ihres Gebäudes, gibt es einen umfangreichen Überblick zu exemplarischen Bestandsgebäuden und möglichen Modernisierungsmaßnahmen in der  "Deutschen Wohntypologie", welche im Rahmen des EU-Projekts EPISCOPE entstanden ist. Neben der  Dokumentation unterschiedlicher Bautypen werden bauartbedingte Energiekennwerte und Hinweise zum Energieeffizienzpotenzial aufgezeigt.   Zudem werden Neubauten gezeigt, die die Richtlinien der EnEV 2009, 2014 und 2016 erfüllen.

Die Publikation steht unter Institut für Wohnen und Umwelt zum Download bereit.